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Mutterschaft: Ein Wunder Allâhs

 

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Eine unendliche Woge der Ruhe überkam mich und ließ meine Anspannung ertrinken. Das Dröhnen des Ventilators wirkte nun eindrucksvoll in der neuen Stille des Raumes. Das kleine Sofa und der Stuhl im Wohnzimmer, meine stillen Zeugen, bedeckt mit einer goldenen Schicht weichen Lichts, geworfen von der winzigen Lampe in der Küche. Târiqs weiche Wangen drückten gegen meine Schultern und er schlief sanft und selig.

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Allâh schuf die Barmherzigkeit und ließ einen Teil von ihr unter allen Müttern dieser Erde, den Menschen, den Dschinn und den Tieren sich ausbreiten, damit sie von Anbeginn bis zum Ende ihren Nachwuchs lieben und erziehen. Die übrigen neunundneunzig Teile der Barmherzigkeit hob Er für sich auf, um sie beim Richten der Kinder Adams, am Tag des Jüngsten Gerichts anzuwenden.

 

Die ganze Nacht hat mein zwei Monate alter Târiq geweint. Sechs Stunden lang Klagerufe. Sein rhythmischer Ruf ist sein verzweifelter Schrei nach Hilfe, ein Ruf an die Menschlichkeit. Er heulte weiter, während ich mit meinen Armen über ihn glitt und seinen sanften fünf Kilo Körper umschlang; sein Rücken gekrümmt, sein Gesicht rot, seine Augen gedrückt und sein Mund mit hörbaren Leiden weit aufgesperrt.

 

Das gedämmte Nachtlicht in der offenen Küche umhüllte das angrenzende Wohnzimmer mit einem braunen Schleier, als ein Ventilator auf der Theke mit voller Stärke summte, unfähig sich durch die feuchte Luft zu schlagen. Die Uhr zeigt 02:37, in einer drückend schwülen Sommernacht.

 

Jede Nacht eine Wiederholung: mein sonst glückliches und gesundes Kind begann gegen 18:00 Uhr viel Lärm zu machen, bis dieser schließlich etwa um 20:00 Uhr zu einem totalen Vernichtungskrieg ausartete und über die Nacht fortdauerte. Die Ärzte meinten, Bauchschmerzen würden dies verursachen. Für mich jedoch war dies nichts anderes als eine Prüfung meines Glaubens, während mein Mann nachts arbeitete.

 

Also schaukelte ich ihn. Ich lief mit ihm durch die Wohnung und sang ihm jedes Lied, das ich kannte und die Sommerhitze umhüllte mich wie ein nasses Handtuch. Ich erinnerte mich daran, dass der Wasserhahn die Nacht zuvor eine gute Ablenkung war. Ich rief innerlich: „Wasser!“ und rannte los, um das Wasser im Spülbecken laufen zu lassen; mit voller Kraft, nicht weniger. Das Geschrei hörte auf. Târiq schaute mit schweigsamer Verwunderung auf den spritzigen Wasserlauf. „Al-Hamdu li-llâh“, seufzte ich und lehnte mich gegen die Theke. Im gleichen Augenblick fing er wieder an zu weinen. Die Neugierde für das Wasser war bereits verschwunden. Es war eine kurze, aber süße Errungenschaft.

 

Meine Suche nach einer Problemlösung wandelte sich in ein Du’a voller Verzweifelung. „O Allâh, ich bin so sehr in Not! O Allâh, gib mir Kraft. Schenke meinem Baby Frieden und mir Geduld. Ich habe keine Macht, außer durch Dich, keine Kraft, außer der, die Du mir gewährst. Ich bin Dein demütiger Diener und benötige Deine Hilfe!“ In jenen Momenten fühlte ich mich so verwundbar, so schwach, so ungeschützt und Allâh bedürftig.

 

Târiq fuhr fort zu weinen, als ob er mich um Hilfe bitten würde: „Etwas verletzt mich, Mami. Rette mich!“ Ich hörte ihn, wie er nach seiner kraftlosen Mutter rief.

 

Als letzten verzweifelten Versuch - mehr um mich selbst zu besänftigen - begann ich so laut wie nur möglich, den Gebetsruf zu sprechen: „Allâhu akbar, Allâhu akbar! Allâh ist größer, Allâh ist größer!“ Ich gab mir zu verstehen, dass Allâh größer ist als diese Situation, größer als dieser Augenblick der Mühsal, größer als die Schwäche, die ich fühlte.

 

Scheinbar überrascht hörte Târiq auf zu weinen und blickte mich in der Küche mit seinen runden, schwarzen im Glimmer der Nachtlampe glänzenden Augen an. „Asch-hadu an lâ ilâha illa-llâh.“ Ich übersetzte diese Worte in meinen Gedanken: „Ich bezeuge, dass es keinen anbetungswürdigen Gott außer Allâh gibt.“Sodann dämmerte es bei mir. Ich erinnerte mich: „Er ist als Helfer und als Freund genüge.“ Ich hielt schweigsam für einen Moment inne und verstand plötzlich, dass ich nicht alleine bin.

 

Ich spürte das Gewicht von Târiqs Kopf, als dieser ihn an meiner Schulter stützte, während ich mit meinem Zeugnis fortfuhr: „Asch-hadu anna Muhammadan Rasûlu-llâh. Ich bezeuge, dass Muhammad Allâhs Gesandter ist.“ Ich ließ die tiefgründige Bedeutung dieser Worte auf mein Bewusstsein wirken, nun aber durch meine neu gefundene Demut nachgiebig, bereit zu hören, bereit zu verstehen. „Er ist der Prophet “, dachte ich, „und das, was er sagte, ist wahr, absolut wahr. Ich muss es mit ganzem Herzen annehmen und daran glauben.“

 

Als der Prophet Muhammad  einem Mann sagte, er solle vom Dschihâd heim zu seiner Mutter gehen und sich um sie kümmern, so ist das die Wahrheit, und als er einem anderen riet, seine Mutter dreimal mehr als den Vater zu ehren, so ist auch dies die Wahrheit.

 

Ich sinnte über die Tatsache nach, dass ein Rang, der mit solch hoher Wertschätzung einhergeht, nicht einfach sein kann. Ehre gibt es für diese Bemühung, aber auch Sonderrechte. Ich nahm meinen Platz ein in den Reihen der wichtigsten und größten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte: Ich war eine Mutter!

 

„Komm zum Gebet, komm zum Erfolg.“ Die Worte tönten weiterhin in mir. Das Gebet ist ein Muster für den Erfolg im Leben. Erfolg ist die Unterwerfung gegenüber dem Willen Allâhs. Er ist Ausdauer, Geduld und auch die Entdeckung der Kraft in mir, die nur mit einer Prüfung geboren werden konnte. Erfolg ist die Entdeckung der großen Liebe, zu der mein Herz fähig ist. Eine Liebe, so stark und mächtig, dass ich bereit wäre, ihretwegen eine Kugel entgegenzunehmen, ohne ein zweites Mal darüber nachdenken zu müssen. Die ganze Erfahrung an sich ist Erfolg, keine vergebliche Anstrengung.

 

Eine unendliche Woge der Ruhe überkam mich und ließ meine Anspannung ertrinken. Das Dröhnen des Ventilators wirkte nun eindrucksvoll in der neuen Stille des Raumes. Das kleine Sofa und der Stuhl im Wohnzimmer, meine stillen Zeugen, bedeckt mit einer goldenen Schicht weichen Lichts, geworfen von der winzigen Lampe in der Küche. Târiqs weiche Wangen drückten gegen meine Schultern und er schlief sanft und selig.

 

Ich blickte auf meinen Sohn herab, meine Prüfung, meine Verantwortung und mein Geschenk, das Allâh mir anvertraute und einen von Ehrfurcht ergreifen ließ. Dort, im gedämpften Licht mit seinen verschlossenen Augen, geschmückt mit langen schwarzen Wimpern, seinen rosa Wangen, zur Nase hin angeschwollen und seinen herzförmigen Lippen, sich friedlich ausruhend, wusste ich, dass er ein Wunder ist, ein göttliches Zeichen. Ich begriff in jenem Augenblick, dass ich mich - um dem Barmherzigen näher zu kommen - soweit wie möglich mit meiner begrenzten menschlichen Kapazität für die Verewigung Seiner Attribute einsetzen muss.

 

Diese bittersüße Reise, Mutterschaft genannt, brachte mich einen Schritt weiter zum Verständnis des Ar-Rahmân, Ar-Rahîm: dem Allerbarmer, dem Barmherzigen. Denn ich wusste, dass die von mir für meinen Sohn empfundene ungeheuere Güte, die Zärtlichkeit, das Mitgefühl und die bedingungslose Liebe und all meine grenzenlosen Gaben unendlich klein erschienen in der Gegenwart Allâhs Liebe und Seiner Barmherzigkeit für die gesamte Schöpfung. Ich bin nur eine Mutter, ein unbedeutender Fleck in der Reihe der Geschöpfe, Teil der Barmherzigkeit, mit der Allâh die Mütter beschenkte.

 

Die Erkenntnis meiner Winzigkeit ließ in mir plötzlich eine Erscheinung der Größe Allâhs und des Ausmaßes Seiner Gnade auftauchen. Er schenkte einen Teil der Barmherzigkeit der Erde, an der alle Mütter ihren Anteil haben.

 

Freudentränen strömten aus meinen Augen, als ich „Allâhu akbar, Allâhu akbar, Lâ ilâha illa-llâh. Allâh ist größer, Allâh ist größer, kein anbetungswürdiger Gott außer Allâh“ flüsterte und den seit jeher verrichteten Gebetsruf, der seit 1400 Jahren von Milliarden von Menschen vor mir gesprochen wurde, beendete. Dennoch fühlte ich in jener Nacht, dass diese Worte ganz besonders für mich gesprochen wurden, wie ein persönlicher Brief von einem Freund.


Quelle: islamweb.net

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